CD-Rezension / Review / Kritik

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estampie amor lontano

Estampie
„Amor Lontano“
(GLM Music/Soulfood)
Estampie, das ist Mittelaltermusik in höchster Perfektion. Keine lärmenden, massentauglichen Dudelsäcke und E-Gitarren, dafür Qanum, Oud, Saz, Dilruba, Trombone oder Nykelharpa. „Amor Lontano“, das jüngste Werk des Münchner Ensembles, setzt diese Tradition unverändert fort. Neu ist beim jüngsten Longplayer jedoch der geografische Rahmen, aus dem die Quellen stammen. Nach der skandinavisch inspirierten „Secrets Of The North“ CD geht es dieses Mal nach Sizilien an den Hofe Friedrich II. Als deutscher Kaiser liebte er arabische Poesie ebenso wie feine Troubadour-Künste. Beides findet sich unter den Stücken der neuen Produktion von Michael Popp und seinen Mitstreitern. Ganz besonders großen Einfluss bekamen Aziz Samsaoui und Iman Kandoussi, die beide bereits beim Al Andaluz Projekt mitwirkten. Hier liegt dann auch die Crux an „Amor Lontano“. Estampie sind perfekt wie immer, klingen jedoch weniger sehnsuchtsvoll, dafür arabisch perkussionlastig. Sigrid Hausen wird nicht mehr nur von Sarah M. Newman gesanglich unterstützt, sondern von Iman geradezu in die Ecke gedrängt. Im Ergebnis prägt sich der orientalische Charakter zu stark ein. Schade, denn Estampie und das Al Andaluz Project können gut nebeneinander bestehen, aber bitte nicht ineinander aufgehen. Statt historischen und kulturellen Crossover bieten die Lieder dieses Albums die Verdrängung liebgewonnener Klangwelten. Es bleibt die Sicherheit, dass die nächste Etappe der musikalischen Reise kommen wird.
Peter Heymann

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 05/2016.

Saturday the 16th.
2017 Sonic Seducer Magazin

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